Aus dem Leben eines Tierfilmers...

Alle Texte und Fotos von Robin Jähne

Zu Besuch beim Schwarzkehlchen

Es gibt so ein paar Vogelarten, da bekommen eingefleischte Ornithologen leuchtende Augen. Die Arten sind regional unterschiedlich. Klar, Haussperling und Amsel werden jetzt nicht zu puren Begeisterungsstürmen führen. Wobei man sagen muss, dass in Brehms Tierleben vor mehr als 100 Jahren noch stand, die Amsel sei ein scheuer Waldbewohner. Aber Zeiten ändern sich, und auch die Evolution schreitet voran. Heute nutzt die Amsel auch gern Parks und Gärten, folgte dem Menschen, passte sich neuen Lebensbedingungen an.

 

Nicht gerade häufig ist auch das Schwarzkehlchen in Lippe. Es gab Jahre, da konnte man die Bruten im Kreis mit einer Hand abzählen. Und so freute ich mich riesig, als ich einen Tipp bekam. Auf einer Wiese war es mit Futter gesichtet worden. Allerdings lag das in Frage kommende Areal genau zwischen zwei Wanderwegen und war auch bei Hundegassigehern recht beliebt. 

 

Ansitzen mit einem Tarnzelt? Kam auf keinen Fall in Frage - schließlich sollte ja keine Aufmerksamkeit auf den seltenen Vogel gelenkt werden. Und so griff ich auf eine selbst entwickelte Technik zurück - die ferngesteuerte Kamera. Die fällt im hohen Gras nicht auf.

 

Zunächst gab es da einen Pfahl eine alten Weidezaunes. Den nutzten Papa und Mama Schwarzkehlchen gern, um bei ihren Futterflügen einen Zwischenstopp einzulegen und zu schauen, ob die Luft rein  war.

 

Weil kein Mensch in der Nähe war, gewöhnten sich die Vögel schnell an die Kamera nach knapp drei Minuten wurde der Pfahl wieder angeflogen. Manchmal fanden die Tiere es auch witzig, auf der Kamera selbst zu landen - eigentlich das beste Kompliment, dass sie mir machen konnten.

Von dieser Position aus konnte ich auf einem Kontrollmonitor verfolgen, welche Route die Vögel nahmen, und so entdeckte ich das Nest in einem Grasbüschel. Man muss nämlich wissen, dass Schwarzkehlchen auf dem Boden brüten. Erste Aktion war es dann, einen Wildpfad unpassierbar zu machen - der führte einen Meter neben dem Nest entlang und wurde gern von Spaziergängern und Hunden benutzt. Ein paar große Ranken von Dornengestrüpp wirkte Wunder.

 

Dann konnte ich die Kamera auch am Nest positionieren. Nach zwei Wochen waren alle vier Jungen flügge, hüpften Munter auf Zäunen und in den Büschen umher. Sie hatten alle Überlebt - und ich hatte einzigartige Aufnahmen aus der Kinderstube der Schwarzkehlchen. Teilweise hatten sie sich sogar ins Objektiv gekuschelt, während ich an die 100 Meter entfernt saß und per Funk die Kamera bediente. Ein gute Trick, die Tiere nicht zu stören - denn dann würden sie auch nicht das natürliche, authentische Verhalten zeigen. Und das möchte ich ja auch aufnehmen.

 

Ein Naturschützer, der die Aktion begleitet hatte, war auch begeistert. Ein Kollege von ihm aber weniger - er war aus dem Häuschen und wollte mich sogar anzeigen. Dabei haben die Schwarzkehlchen wahrscheinlich wegen der Dreharbeiten überlebt. Weil dort dann weder trampelige Ausflügler noch schnüffelnde Hundeschnauzen unterwegs waren.

 

Für mich war es ein wundervolles Erlebnis - an das ich oft noch zurück denke!


Rehe und Hirsche vor der Kamera

Mit Rehen kam ich schon ganz zu Beginn meiner Naturfilmkarriere in Kontakt. Es ist viele Jahre her, als ich, möglichst gut getarnt, mit einer damals noch relativ primitiven weil billigen Kamera auf der Lauer lag. Damals gab ich mich noch der Illusion hin, dass Naturfilmer morgens einfach Stativ und Kamera schultern und wohlgemut in den Wald stapfen. Man schaut, ob sich dort Hase, Igel, Fuchs oder Reh zeigen, filmt so ein bisschen in den Tag hinein und freut sich dann abends über die Ergebnisse. Diese etwas naive Sichtweise des Berufs änderte sich später sehr schnell. Heute müssen einfach bestimmte Orte direkt angefahren werden, damit man genug Zeit hat, um anzusitzen. Denn auch in diesem Job geht es um Zeit. Einfach so drauf los zu drehen, das kann ein Naturfilmer eigentlich nur im Urlaub.

 

Doch zurück zu meinem damaligen Erlebnis. Ich lag also in einer Mulde am Rand eines Feldes. Die Kamera stand vor mir auf dem Stativ und ich wartete ganz fröhlich der Dinge oder besser: der Tiere, die da kommen sollten. Was kam, waren mehrere Rehe. Der Wind stand günstig, sie bemerkten mich nicht. Sie kamem immer näher. Die Kamera lief. Und dann ist eine Ricke fast auf mich drauf getreten. So nach kamen die Tiere an mir vorbei. Wir erschreckten uns, glaube ich, beide ein wenig, dann stoben die Vierbeiner davon. Ich blieb erst mal zufrieden liegen.

 

Das war für meine damaligen Verhältnisse ein wundervolles Erlebnis. Heute ist es ein wenig anders. Da Rehe häufig schon im Film zu sehen waren, hält man heute mit der Kamera nur dann drauf, wenn es wirklich einzigartige Szenen sind. Wenn sie nicht nur tolles Verhalten zeigen, sondern auch noch schön im Licht stehen. Oder wenn es kalt ist, der Atem als kleine Wölkchen aus der Nase kommt. Einmalige Szenen eben.

 

Eine solche Szene gab es einmal ganz spontan. Und sie war nur möglich, weil ich so einen kleinen Spleen habe. Aber sind wir nicht alle ein wenig verrückt? Aus leidvoller Erfahrung hatte ich mir irgendwann angewöhnt, die Kamera immer in der Nähe zu haben. Inzwischen fühle ich mich ohne Kamera gewissermaßen nackt. Und so wird man mich nie ohne solch ein Gerät zumindest in Reichweite antreffen.

 

Es war die Zeit als der professionelle Film noch auf richtigem Filmmaterial belichtet wurde. 16 mm war dieser Film breit, und so hieß er auch. Damals lief so ein Film ratternd durch die 16mm-Kamera. Man hatte mit einer normalen Ladung ungefähr zweieinhalb Minuten Aufnahmedauer, dann war der Film voll und man musste eine neue Rolle einlegen.

 

Eine solche Kamera marke Beaulieu lag neben mir, als ich eines Tages im Auto unterwegs war. Da ich sah ein Reh, dass wahrscheinlich von einem frei laufenden Hund aufgescheucht worden war. Ich legte eine Vollbremsung hin, schnappte mir die Kamera, und hechtete mit einem Sprung in den benachbarten Graben, von dem ich aus einen tollen Blick auf das Geschehen hatte. Ich erwartete dass das Reh nun über einen angrenzenden Weidezaun sprang. Doch das gute Tier hatte sich ein wenig verschätzt. Es lief am Zaun erst einmal auf und ab, bevor es versuchte durch eine der groben Maschen des Zaunes zu kommen. Es blieb dabei natürlich hängen und beim Freistrampeln verlor es eine ganze Menge seines Fells.

 

Das stiebte besonders schön, weil das Reh gerade das Winterfell ablegte. Die Szene hatte ich auch noch mit leichter Zeitlupe aufgenommen und sie wirkte nachher richtig dramatisch. Sie wurde dann bei Quarks & Co. im WDR im Rahmen einer Gewittersequenz eingesetzt, was mich natürlich sehr gefreut hat und mich darin bestätigte, immer eine Kamera mit mir herum zu schleppen.

 

(C) L. Salitter
(C) L. Salitter

Als die Arbeit war schon deutlich professioneller geworden war, brauchte ich noch Detailaufnahmen von Rotwild. Doch normalerweise muss man dafür dann lange ansitzen - doch das Projekt sollte abgeschlossen werden, ich hatte nicht mehr viel Drehzeit übrig. Da gab es nur eine Möglichkeit: Mit einem Kollegen zusammen fuhr ich zu einem sehr weitläufigen Gehege in dem die Tiere zu bestimmten Tageszeiten gefüttert wurden. Dann traten sie aus ihrer Deckung und wir wussten, dass just an dieser Stelle auch gutes Licht herrschen würde. Das natürliche Umfeld entsprach auch dem, was ich brauchte.

 

Als wir dort ankamen, erwarteten uns etwa 30 Fotografen, mit zum Teil gewaltigen Telekanonen, die alle in Aussicht dieses tollen Ereignisses am Straßenrand standen. Wir reihten uns mit unseren Kameras ein. Der Kollege hat übrigens seinen Boliden mit einem ausrangierten Kinderwagen an den Ort des Geschehens geschafft, ich musste meine Kamera auf der Schulter schleppen. Aber man lernt ja nie aus.

 

Wir haben in Zeitlupe gedreht, anders ging es gar nicht, denn sobald sich die Tiere zeigten gab es um uns herum einen wahren Orkan von klicken den Fotoapparaten die jede Tonaufnahme ad absurdum geführt hätten. Und bei Zeitlupe ist auch kein Ton dabei. Die Aufnahmen, die so entstanden waren jedoch einfach klasse und schienen direkt in der Wildnis entstanden zu sein.

 

Schließlich war dann noch die Hirschbrunft, die am Rande eines großen moorigen Gebietes stattfinden sollte. Ein anderer Kollege und ich hatten einen Auftrag über diese Landschaft im Nordvorpommern einen Imagefilm herzustellen. Es gab zwei Orte, an denen Hochstände einen guten Blick erlaubten. Von denen aus könne man die Hirschbrunft wunderbar filmen, versicherte uns der Förster. Am Abend saß der Kollege auf dem einen und ich zwei Kilometer weiter auf dem anderen Hochstand. Man hörte die Hirsche, wie sie im Dickicht röhrten. Es scholl mit Echo imposant herüber. Aber wie es so ist, ich kam zwar den Genuss eines schönen Abendrots, dann wurde es dunkel. Die Hirsche brüllten nur und zeigten sich nicht. Mein Kollege meinte, einen gesehen zu haben, doch auch er konnte keine Aufnahme machen. Aber wir hatten ja noch den nächsten Morgen. Wir tauschten die Ansitze und mir boten sich wunderbare Nebelschwaden, die in Zeitraffer geisterhaft um die Baumskelette des Moores schwebten. Ein Fuchs kam vorbei. Doch die Hirsche brüllten sich schön versteckt im Dickicht die Seele aus dem Hals. Der Kollege hatte Glück, er sah wenigstens ein oder zwei Stücke Rotwild, aber das war’s dann auch schon. Die richtig schönen Bilder der Hirschbrunft nahmen wir dann doch aus unseren Archiven.


Hornissengeschichten

(C) R. Jähne
(C) R. Jähne

Sie sind beeindruckend. Allein schon wegen ihrer Größe. Wenn sie uns brummend wie ein Jumbojet umkreisen, dann bekommt jeder Respekt. Und wenn sie noch einen draufsetzen wollen, dann erzeugen sie mit ihren Kieferzangen knackende Geräusche. Das heißt dann auf hornissisch: „Hab Respekt und lass uns in Ruhe. Ansonsten wissen wir uns zu wehren!“.

 

Stechen tun Hornissen eigentlich selten. Sie setzen auf Abschreckung, sind eigentlich gutmütige Wesen. Dass drei Stiche einen Menschen und sieben ein Pferd umbringen, ist reiner Aberglaube - heute würde man „Fake-News“ dazu sagen. Nur Allergiker sollten sich in Acht nehmen.

 

 

Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts (mein Güte, wie lange ist das schon her - man wird ja nicht jünger) begann mein Interesse am Tierfilmerdasein und es gab erste Gehversuche mit der Kamera. Drei Themen hatten es mir angetan: natürlich Gewitter - die sind immer noch meine Leidenschaft. Dazu auch die heimischen Amphibien und staatenbildende Wespen.

 

 

Damals war Diana vom Rolfschen Hof mit im Boot, und wir scheuten uns nicht, drauf los zu filmen. Bei den Dreharbeiten zu staatenbildenden Wespen waren natürlich auch Hornissen ein dabei. Wir hatten einen Tipp bekommen. In einem Hochstand sollten sie wohnen. Zum Glück war er nicht besonders hoch.

Fenster und Türen waren allerdings von innen verriegelt, und sämtliche Ritzen hatten die Insekten mit ihrem Papier hermetisch geschlossen. Um die schönen Brummtöne einzufangen, hängten wir erst mal ein kleines Mikrofon dort auf, wo die großen Wespen ein Loch gelassen hatten, um ins Innere zu gelangen. Das fanden sie nicht besonders witzig. Zum Glück richtete sich ihr Zorn nur auf das Mikro, es wurde mit Bissen und Stichen traktiert. Das produzierte aber auch tolle Geräusche.

 

Es dauerte Stunden, bis wir vorsichtig eine Fensterklappe aufgehebelt hatten. Dabei mussten wir uns wie in Zeitlupe bewegen - um nicht den Ärger der Insekten auf uns zu ziehen. Dann endlich sahen wir das Nest: Etwa medizinballgroß und nach unten hin halboffen, also keine geschlossene Kugel. Das ist typisch für Hornissen.

 

 

In späteren Jahren kam ich immer wieder mit Hornissen zusammen. Einmal hatten sie sich wohnlich in einer Baumhöhle auf einer Halbinsel eines Sees eingerichtet. Das war einfach zu malerisch um nicht Aufnahmen zu machen. Dazu musste ein starker Strahler auf die Insekten gerichtet werden, um sie ins rechte Licht zu rücken. Zusammen mit meiner Kollegin Sarah Herbort hatte ich die Kamera auf einen fünf Meter langen Schwenkarm montiert, einen Kamerakran. Der Aufbau eines solchen ist schon eine Wissenschaft für sich. Es dauert seine Zeit. Die Hornissen tolerierten die Aufbauarbeiten großzügig.

 

Als die Aufnahmen im Kasten waren, konnten wir mit vereinten Kräften den Kran ein wenig wegrücken und dann abbauen. Doch den Strahler hatten die Tiere inzwischen lieb gewonnen. So, dass sie ihn umschwirrten und wir nicht heran kamen. Weil die Hornissen ein Zufallsfund waren, hatten wir natürlich auch keine Imkerverkleidung eingepackt. Wir beschlossen, sich die Tiere erst einmal beruhigen zu lassen, und einen kleinen Imbiss zu uns zu nehmen. Ein paar Kilometer weiter sollte die beste Pommesschmiede der Gegend sein. Gesättigt und gestärkt besuchten wir eine Stunde später die Hornissen. Die Batterie des Strahlers hatte inzwischen aufgegeben, die Hornissen nicht. Sie belagerten den Luftraum um das Gerät regelrecht. Uns blieb es nur übrig, 40 Kilometer nach Hause zu fahren, den Schutzanzug einzupacken und dann wieder 40 Kilometer zu unseren fliegenden Freunde zu reisen.

 

Vermeintlich stichsicher vermummt rettete ich den okkupierten Strahler. Eine Hornisse wollte aber nicht aufgeben und stach mich noch durch den Anzug - hinterlistig auf meinem Rücken sitzend, bis Sarah einschritt. Aber ich habe es ihr nicht krumm genommen, der Hornisse, meine ich. Wir hatte schöne Bilder im Kasten...

 


Rettungsaktion für junge Uhu’s oder eine Uhufreundschaft

Das Telefon klingelte. Ein befreundeter Förster ist dran. „Ich habe da eine Uhubrut am Boden, interessiert Dich das?“ lautete die Frage. Klar. Natürlich. Und so stand ich einen Tag später vor dem Nest. Eigentlich war es nur eine Kuhle im Boden. Die macht das Männchen und erwirbt sich so die Gunst seines Weibchens. 

 

Da lagen drei Pflaumbällchen und eine Ratte. Mama hatte bei unserer Annäherung das Weite gesucht, wie es bei Uhus üblich ist. Solche Annäherungen wollte ich in Zukunft vermeiden. Deswegen wurde eine per Funk Kamera gesteuerte aufgestellt. Naturfilmen geht nicht einfacher: Man sitzt gemütlich an einem entfernten Platz, sieht auf einem Monitor, was vor der Kamera passiert und steuert entsprechend die Aufnahme. Und weil kein Mensch in der Nähe ist, zeigen selbst scheueste Tiere authentisches Verhalten. 

 

Man stört einmal, wenn das Gerät aufgestellt wird, und dann nicht wieder. 

 

Für diesen Einsatz hatte ich in Nachtarbeit noch schnell eine zusätzliche Steuerung konstruiert, die es ermöglichte, Nachts eine kleine Beleuchtung in Aktion zu setzen. Nicht damit die Uhujungen mal ein Buch lesen können. Vielmehr hocken sie tagsüber meist einfach so rum. Die interessanten Aktionen passieren nachts. Wenn ein Elternteil Verpflegung bringt. Ratten zum Beispiel. 

 

So saß ich also fast jeden Abend dort in der Nähe. Mama Uhu saß die ersten Abende noch bei den Kleinen, der Papa brachte Ratten und Krähen. 

 

Dann kam die Zeit, in der die Eltern nur noch zum Füttern erschienen. Die Jungen waren groß genug. Gelesen haben sie trotz meines Lichtes dann immer noch nicht, aber ich vertrieb mir die Wartezeit bis etwas passierte, mit einem Buch. 

 

Dann kam auf einmal ein Partner nicht mehr. Nur noch ein etwas kleineres Alttier bemühte sich, die Versorgung der Jungen sicher zu stellen. Kurze Zeit später entdecke ich in der Nähe ein Elternteil - es war verendet. Man konnte keine äußeren Verletzungen erkennen, allerdings war es seltsam verkrampft. Zur gleichen Zeit hatte jemand in einem Park in der Nähe vergiftete Hundeköder ausgelegt - der Schluss lag nahe, dass sich das Alttier daran vergiftet hatte. 

 

In den folgenden Tagen ging es dem kleinsten Küken immer schlechter. Das Nesthäkchen bekam einfach nicht genug ab. „Bei mir stirbt kein junger Uhu“, sagte der Förster. Dann ließ er sich Eintagsküken kommen - denn die jungen Uhus sind nun einmal keine Vegetarier. Die drückte er mir in die Hand. 

 

Denn so eine Unterstützungsfütterung ist sehr schwierig - es darf nur so viel gereicht werden, dass die Jungen noch genug bettelten. So wird das Alttier aufgefordert, sich auf den Weg zu machen und für Nahrung zu sorgen.

 

Der übrig gebliebene Uhu gab alles. Er war so engagiert, dass ich kurz dachte, es sein das Weibchen. Doch in Wirklichkeit war es der Uhupapa. Der kapierte auch recht schnell, dass dieser Typ, der immer da auf dem Waldweg im Auto sitzt, hin und wieder was Leckeres dabei hat und eigentlich ganz harmlos ist. 

 

Es entwickelte sich eine regelrechte Freundschaft. Und eines Tages saß Papa Uhu nur 3 Meter über dem Waldweg, den ich immer angefahren kam im Baum und döste vor sich hin. Er döste auch weiter, als ich direkt unter ihm mit dem Geländewagen hielt. Und er machte die Augen auch nicht auf, als ich vor laufender Kamera noch mal angefahren kam. 

 

Dieses Vertrauen war ein tolles Gefühl. Die Jungen waren inzwischen über den Berg, bekamen ab und zu noch mal vom Papa einen Bissen gebracht. 

 

Und wenn ich dann dort durch den Wald ging, kam es oft vor, das auf einmal Papa Uhu in der Nähe war. Wenn ich mit Kamera unterwegs war, kam er sogar auf drei Meter heran - undenkbar für andere Uhus, die schon bei 30 Metern abhauen. Allerdings wenn ich ohne Kamera war, dann war er deutlich scheuer. Er war es einfach gewöhnt, dass ich so ein Gerät mir mir herum schleppte. 

 

Im Winter dann balzte er wir wild, eine sehr scheue Dame fand sich ein im Revier. Doch erst zwei Jahre später gab es Nachwuchs bei meinem Uhufreund. 

 


Die gestohlene Maus

(C). R. Jähne: Uhu im Anflug
(C). R. Jähne: Uhu im Anflug

Uhus fand ich als Naturfilmer immer schon faszinierend. Nicht nur, dass es unsere größte heimische Eule ist, mit beachtlichen 180 Zentimetern Spannweite. Wer diesem Tier in die meist rötlich-orangen, manchmal auch gelblichen Augen schaut, kann sich ihrer Faszination einfach nicht entziehen. Mir ging es jedenfalls so. 

 

Es waren noch die Zeiten, in denen Filmer schon digital ihre Sequenzen aufnahmen, allerdings noch auf eine kleine Kassette, in der ein Magnetbad lief. Filmisch tastete ich mich damals so langsam an das Thema „Uhu“ heran. Ich wusste, wo eine Uhufamilie lebte. Es gab drei Jungen, die waren schon tüchtig groß und flogen von Ast zu Ast. Wenn Papa und Mama Uhu ihnen das Abendbrot brachten, das waren meist Igel und Krähen, denn wurde es ihnen nicht mehr in schnabelgerechten Bissen serviert. Vielmehr legten die Eltern das Futter auf einem am Boden liegenden Baumstamm ab und die Jungen mussten zusehen, wie sie die Beute zu sich nahmen. 

 

Solche Orte werden auch als „Futtertisch“ bezeichnet. Und ich hatte diesem Baum entdeckt. Das wollte ich mir zu Nutze machen. Mein Plan: Ich lege denen Futter hin, stelle rundherum Kameras auf und kann mit ein bischen Glück filmen, wie so ein Jungtier ankommt und sich das Futter holt.

Mein Kater hatte zu diesem Zweck freundlicherweise eine Maus gespendet, die hatte ich in der Hosentasche. Mit Maus, aber auch mit drei Kameras, entsprechenden Stativen, Kabels zum Auslösen der Kameras, einem Tarnzelt, Batterien und allem, was man eben so braucht, quälte ich mich durch den Wald. 

 

In einem kleinen, verstecken, idyllischen Talkessel lag der Baum, der als Futtertisch diente. Ich begann meine Technik aufzubauen, die Kabel zum Tarnversteck in einem nahen Gebüsch zu verlegen. Und ich hatte Zuschauer. Rundherum saßen die drei Junguhus und verfolgten mit großen Augen, was der Knilch da so treibt.

Alles aufzubauen dauerte etwa 20 Minuten - eine Geduldsprobe für die jungen Eulen. Sie schauten regelrecht hungrig, bildete ich mir ein. Und deswegen beschloss ich, nachdem ich die Maus auf dem Baumstamm gelegt hatte, schon mal die Kameras laufen zu lassen. Wer weiß, vielleicht kam ja ein Junges auf die Idee, sich den Braten schon zu holen, während ich es mir noch im Tarnversteck gemütlich machte.

Ich zog also die Maus aus der Hosentasche. Plötzlich streifte mich von hinten ein Flügel, jemand riss mir die Maus aus der Hand und weg war sie. Man muss wissen, dass Uhus wie die anderen Eulen völlig geräuschlos fliegen können. Das kommt durch ein regelrechtes Fell auf ihren Federn. Die fühlen sich ganz weich an. Und die Luft verwirbelt so in ihnen, dass es nicht zu Fluggeräuschen wie bei anderen Vögeln kommt. 

 

Ein paar Meter weiter saß ein zufriedener Junguhu im Baum und ich sah gerade noch den Mäuseschwanz im Schnabel verschwinden. Unverrichteter Dinge musste ich alles wieder abbauen, und mich wie ein Packesel auf den Rückweg machen. Aber ich hatte gelernt. Also immer erst die Kameras laufen lassen, dann die Maus hinlegen. Das hat später dann gut funktioniert.


Der freche Siebenschläfer

(C) R. Jähne
(C) R. Jähne

"Siebenschläfer gehören zu den Bilchen. Wer es nicht weiß, verwechselt ihn schnell mal mit einer Maus - allerdings ist der Schwanz des Siebenschläfers eher buschig behaart und nicht binfadenartig wie bei einer Maus.

Siebenschläfer zu filmen ist nicht einfach - und deswegen war ich dankbar, als ich zwei Jungtiere bekam. Sie mussten noch ein wenig aufgepäppelt werden. Ich hoffte aber, dass sie ihr Futter später dann vor der Kamera abarbeiten würden. 

 

Sie lebten in einem stabilen Holzkasten, dessen Wände 15mm dick waren. Angeschlossen war ein Nistkasten, der als gute Stube diente. Die beiden Kleinen wuchsen schnell und durch die Luken in dem Kasten konnte ich filmen, wie sie Äpfel oder Zwetschgen aßen. Es war unglaublich, wie schnell so ein Apfel zerkleinert und im Siebenschläfer drin ist. Dann war noch Winterruhe angesagt. Einer ging auch brav im Nistkasten schlafen. 

 

Der andere hatte aber etwas anderes vor: Er knabberte sich, als ich mal nicht zu Hause war, durch die Wand seiner Kiste. Das können Siebenschläfer. Und wenn es sein muss, dann knabbern sie sich auch durch Putz. Durch das entstandene Loch spazierte der Bilch heraus und entdeckte ein Terrarium, in dem Eurasische Zwergmäuse lebten. Allerdings nur zwei. Der Siebenschläfer sprang aus dem Stand (man sah es an seinen Fußabdrücken in einer Schale voller Sand) auf das fast 130 Zentimeter hohe Terrarium, drang durch ein Belüftungsloch ein. Das Loch sollte Luft reinlassen, aber die Mäuse nicht heraus. Das funktionierte auch. Ein Eindringen von Bilchen war allerdings nicht vorgesehen. Der Schlingel verschaffte sich also Zutritt, fraß die Zwergmäuse auf und so gesättigt begab er sich in einem Lock in den Winterschlaf. 

 

Und es vergingen fast genau sieben Monate, dann kam er heraus, wie sein Kollege auch. Sie wurden dann vor der Kamera auf freien Fuß gesetzt, nicht ohne ihnen eine gute Wegzehrung mitgegeben zu haben. Die bestand allerdings dann nicht mehr aus Zwergmäusen, sondern aus Nüssen  und Früchten. "